Sicherheit der Rückkehrer
Niemand garantiert den Rückkehrern die persönliche Sicherheit und die Sicherheit ihres Eigentums zu. Die Kriegsverbrecher, die an den Massenvertreibungen, Ermordungen, Vergewaltigungen, Folterungen und Deportationen beteiligt waren, sind nicht nur auf freiem Fuss, sie sind sogar noch immer auf wichtigen Positionen in der Polizei, in der Gemeinderegierung, den Gerichten beschäftigt. So war der ehemalige Direktor der Polizei der Republika Srpska, Dragan Andan, ein enger Mitarbeiter von Ratko Mladic, mit dem er auch zusammen im Juli 1995 an der Ausführung des Massakers in Srebrenica teilgenommen hat. Er ist an der Spitze der Liste der Verantwortlichen für das Massaker, die von der Kommission für die Ermittlung der Ereignisse in Srebrenica zusammengestellt wurde. Neben seinem Namen gibt es noch weitere 892 Namen von Personen, die an der Ausführung des Massakers an den mindestens 8.373 unschuldigen Zivilisten aus Srebrenica teilgenommen haben.
Die sicherheitliche Situation in den Rückkehrersiedlungen im Drina-Tal und in Semberija (Region von Bijeljina) ist besorniserregend. Die Rückkehrer sind täglich Provokationen, Drohungen, Beleidigungen und sogar auch tätlichen Angriffen ausgesetzt. Dies war auch der Grund, dass einige Rückkehrer ihre gerade erst bezogenen Häuser verlassen und wieder in sicherere Umgebung in der Föderation von BiH gehen. Solange Hauptkriegsverbrecher wie Ratko Mladic auf freiem Fuss sind, werden serbische Extremisten inspiriert sein, ihre chauvinistische Untoleranz gegenüber den zurückgekehrten Bosniaken immer häufiger auszudrücken.
Konkrete Beispiele
Emina Begovic (55 Jahre alt) ist im September 2002 nach Srebrenica in ihr nur teilweise wiederaufgebautes Hasus in der Siedlung Gornji Potocari zurückgekehrt. Beim Fall von Srebrenica hat sie alle männlichen Angehörigen verloren. Sie lebt alleine mit einer Tochter, welche in Sarajevo Medizin studiert. Sie hat sich bei uns wegen den ständigen Provokationen beklagt, denen sie durch die serbischen Nachbarn ausgesetzt ist, die eigentlich überhaupt nicht aus Srebrenica kommen. Sie kommen in der Nacht, beschimpfen sie, schlagen gegen ihre Tür, werfen Steine gegen die Fenster, so dass sie häufig die Fensterscheiben auf ihrem Haus wechseln muss. Diese unglückliche Frau hat vergeblich versucht, die Polizei zu alarmieren, denn diese hat auf ihre Anrufe nicht reagiert und nichts unternommen, den Tatsachenbestand zu ermitteln und die Täter ausfindig zu machen. Einmal war sie in Panik gezwungen, die Polizei in Sarajevo anzurufen und erst danach hat die Polizei in Srebrenica auch reagiert.
Als “Willkommensgruss” für die Rückkehrer nach Srebrenica steht auf dem Haus des Rückkehrers Meho Osmanovic am Eingang in die Siedlung Konjevic Polje die Drohung “Messer, Stacheldraht, Srebrenica” (Noz, zica, Srebrenica).
In das Dorf Skelani, etwa 50 km entfernt von Srebrenica, ist vor einigen Jahren Halida Mehmedovic zurückgekehrt. Sie lebt alleine im wiederaufgebauten Haus. Beim Fall von Srebrenica hat sie den Ehemann und den Sohn verloren. Diese arme Frau wurde von drei Serben zusammengeschlagen, als sie versucht hat, sie an der Plünderung des Hauses ihres Nachbars zu hindern. Dem tätlichen Angriff auf diese Frau haben sich auch die drei Ehefrauen dieser Serben angeschlossen. Sie haben Frau Halida das Kopftuch vom Kopf gerissen und sie schwer beleidigt, als sie ihr sagten, dass sie als Türkin nicht hätte auf serbischen Grund und Boden zurückkehren dürfen. Als Frau Halida zur Polizei gegangen ist, um diesen Angriff zu melden, wurde sie angeklagt, sie selbst hätte diese drei Männer und ihre Ehefrauen angegriffen. Sie wurde vor das Gericht geladen und da sie selbst keine Zeugen für ihre Aussage hatte, musste sie auch noch 150 KM zahlen.
Das Dorf Janja war wochenlang eine Geisterstadt, als in den Hof der Atik-Moschee eine Handgranate geworfen wurde. Die Rückkehrer schlossen sich mit der ersten Dunkelheit in ihren Häusern ein und machten die Lichter aus.
Beinahe täglich sind auch heute Provokationen, Parolen mit drohenden Inhalten, Schiessereien und Beschimpfungen anwesend.
Das schlimmste ist, das bis jetzt kein einziger Fall der Bombenangriffe in den Gemeinden Bratunac, Vlasenica, Milici, Srebrenica ermittelt und abgeschlossen worden ist. Die Täter wurden weder genannt noch sind sie bestraft worden.
Rasende Autokolonnen, aus denen die Provokatoren zum Ermorden der “Balijas” (Schimpfworte für Muslime), zu ihrer Ausrottung aufrufen, sind im Kula Grad bei Zvornik ein alltägliches Vorkommnis. Im Wirtshaus von Midhat Hadziibric, Rückkehrer nach Zvornik, wurden mehrmals schon die Glasfenster eingeschlagen. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 2004 wurde das Fotografengeschäft des Eigentümers Meho Music nur sieben Tage, nachdem er mit der Arbeit begonnen hatte, zerstört.
In der Siedlung Divic bei Zvornik hat eine Gruppe von serbischen Jugendlichen die Teilnehmer einer Feier anlässlich des Kurban – Opferfestes angegriffen, wobei einige der feiernden bosniakischen Rückkehrer schwere Verletzungen erhielten. Die Situation drohte auszuarten, so dass sogar auch SFOR-Soldaten einschreiten mussten.
In der Nähe von Teslic (Republika Srpska) wurde auf seiner Türschwelle der Rückkehrer Hrustan Suljic, einer der Anführer der Rückkehr in dieses Gebiet, aus einem Gewehr erschossen. Seine Ermordung wird mit der Tatsache in Zusammenhang gebracht, dass er ein Zeuge des Haager Tribunals für Kriegsverbrechen für die in der Region Teslic begangenen Verbrechen war. Der Mord hat sich am 2.Dezember 2004 ereignet. Bis heute ist der Täter nicht gefunden worden.
Auch am 12.Juli 2009 wie schon in allen vorherigen Jahren wurde in Srebrenica wieder eine Versammlung der Tschetniks organisiert. Sie kamen in Tschetnik-Uniformen, die bei den Rückkehrern schreckliche Erinnerungen an das Massaker wiederbeleben und sind durch die Strassen gezogen. Dabei haben sie serbische Fahnen, Fahnen mit Totenköpfen und Bilder von Rako Mladic getragen und Lobeslieder für Ratko Mladic und Radovan Karadzic gesungen. Als auf ihre Ausrufe “Dies ist Serbien” einige der Passanten, bosniakische Rückkehrer, entgegenriefen “Dies ist Bosnien und nicht Serbien”, ist die Polizei, die bis dahin nur beiseite stand, eingegriffen und hat die bosniakischen Passanten verhört. Gegen drei bosniakische Mädchen – Rückkehrerinnen ist nach diesem Vorfall auch Anzeige erstattet worden wegen Unruhestiftung, während niemand von den serbischen Organisatoren und Teilnehmern dieser “Feier zur Befreiung von Srebrenica” bestraft oder prozessuiert worden ist.
Es gibt keine Sicherheit, da es auch keine wahre multiethnische Polizei gibt. Dies, was heute existiert, ist nur eine scheinhaftige multiethnische Polizei, die mit einigen jungen Männern von Akademien und einigen jungen Frauen, die in Büros sitzen, gefüllt ist. Wenn sie im Dienst sind, haben sie nicht einmal Polizeistöcke (Gummistöcke) bei sich. Wenn man wirklich etwas an der Stabilisierung der Sicherheitssituation tun möchte, dann müsste man einen bosniakischen Vertreter zum Polizeichef in beispielsweise Bratunac oder Srebrenica ernennen. Erst dann werden wir sagen können, dass wie die Regierung der Republika Srpska so auch die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft um die Rückkehr und die Wiederherstellung eines demokratischen Bosnien-Herzegowinas bemüht sind.